[Rezension] Mein hungriges Herz von Agnès Desarthe

Mein hungriges Herz

Titel: Mein hungriges Herz
Autor: Agnès Desarthe
Verlag: Knaur
Seiten: 336
Preis: 8,94 Euro

Ein kleines Restaurant. Eine außergewöhnliche und verträumte Inhaberin. Ein Viertel, in dem jeder willkommen geheißen wird. Das sind die Zutaten für Agnès Desarthes Roman „Mein hungriges Herz“. Im Mittelpunkt steht die etwas verwirrte, verträumte aber grandios kochende Myriam. Sie erfüllt sich einen Lebenstraum und eröffnet das Chez Moi, ein kleines französisches Restaurant. Ein Konzept hat sie nicht, sie will einfach nur ihre Gerichte kochen und die Menschen damit erfreuen. Dass das nicht reicht, um ein Restaurant erfolgreich zu machen, ist klar. Hilfe kommt da von ungewöhnlicher Seite. Myriams Nachbarn und Gäste greifen ihr unter die Arme, geben Tipps oder ein paar Hinweise und suchen ihr sogar einen Kellner. Schnell wird jedoch klar, Myriam hat nicht einfach nur so ein Restaurant eröffnet. Sie wurde von ihrer Familie, ihrem Mann und ihrem Sohn, verstoßen und brauchte eine neue Richtung in ihrem Leben. Doch so ganz kann sich Myriam nicht von ihrer Vergangenheit lossagen, so gerne sie es auch möchte und so oft sie sich in ihre Träume flüchtet. Denn irgendwann steht ein junges Mädchen in der Tür – und sie weiß von Myriams Vergangenheit.

Süße Verführungen, herzhafte Köstlichkeiten, exotische Gaumenfreuden – Myriam liebt Essen, das merkt der Leser sofort. Doch, dass es in „Mein hungriges Herz“ nicht ums Essen geht, das wird einem ziemlich schnell klar. Denn der Roman, in dem ausschließlich Myriam erzählt, beschäftigt sich mehr mit deren Innenleben. Myriam ist von ihrer Tat, die ihre Familie sie verstoßen ließ, regelrecht gefangen. Immer wieder kommt sie darauf zu sprechen, verliert sich in Andeutungen darüber und schweift somit von der eigentlichen Handlung ab. Was dem Leser schon früh klar wird: Die Protagonistin kann sich selbst nicht verzeihen und glaubt deswegen auch nicht daran, dass es zum Beispiel ihr Sohn könnte.

Aber: Machen die vielen Andeutungen auf Myriams früheres Vergehen am Anfang noch einen Teil der Spannung aus, so wird es mit dem Verlauf des Romans doch zu einer wahren Geduldsprobe. Da ausschließlich Myriam erzählt, erfährt der Leser nicht mehr, als das, was sie bereit ist preiszugeben. Und gerade ihr „Vergehen“ verdrängt sie immer wieder, so, dass auch der Leser erst kurz vor Schluss, als Myriam sich erlaubt daran zu denken, erfährt, was sie denn getan hat. Doch dann entpuppt sich ihr „Vergehen“ als geringer, als es der Leser annehmen könnte. Denn nachdem fast das ganze Buch über die Spannung immer mehr gesteigert wurde, würde man auch mit einem wirklich unverzeihlichen, unglaublich schrecklichen oder verstörenden Vorfall rechnen – doch nichts da.

Daneben gerät die eigentliche Handlung, also der Aufbau des Chez Moi, immer mehr aus dem Fokus. Nur eingeworfen wirken die Passagen, in denen der Fortschritt in dem Restaurant beschrieben wird. So bleibt das Restaurant und das Geschehen in diesem doch äußert blass. Der Wert liegt in „Mein hungriges Herz“ eindeutig auf Myriams inneren Konflikten und ihren Träumen, die eng mit diesen verbunden sind.

Auch der Schreibstil hat etwas Traumhaftes. Zu Beginn ist er noch recht nüchtern, Myriam ist gerade erst in ihrem Restaurant angekommen und richtet sich dort ein. Doch umso mehr sie auch im Restaurant vorankommt, umso stärker wird ihr innerer Konflikt offen gelegt und umso mehr wendet sich Myriam und damit auch der Schreibstil den Träumen hin. Das geht so weit, dass am Schluss nicht mehr wirklich zu unterscheiden ist, was davon der Wirklichkeit im Restaurant entspricht und Myriams Träumen.

„Mein hungriges Herz“ ist ein feinfühliger und sehr verträumter Roman, der etwas Geduld vom Leser verlangt, dafür aber mit einer wunderbaren sympathischen Protagonistin aufwartet, die mit ihrer Verschrobenheit, ihrer Fehler und ihrem ganzen Wesen den Roman lebendig werden lässt.

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